Kleine Schwester

Ein lang gezogener Korridor, eisige Stille, gedämpftes Licht; Die Aussage des Arztes, bangen und hoffen, vielleicht schafft sie es nicht. Ich desinfiziere die Hände, schlüpfe in den Kittel, leise öffne ich die Tür. An Monitoren und Schläuchen angeschlossen liegst du vor mir.


Dabei hattet ihr euch schon so gefreut auf das Kind. Ich höre ihn noch den Satz...weil wir bald eine Familie sind. Heimlich hast du ihm schon einen Namen gegeben, nun hast du es verloren und sie kämpfen um dein kostbares Leben.


Ich setze mich an dein Bett und berühre behutsam deine zerstochene Hand. Tränen laufen über mein Gesicht, du merkst es nicht, bist in einem anderen Land. Mit Medikamenten und Tropf haben sie dich in den Tiefschlaf versetzt. Künstliche Ernährung, Blasenkatheder gelegt an unzähligen Kabeln vernetzt.


Ich erinnere mich noch unser Lachen und unsere Gespräche, war es gestern, obwohl der Altersunterschied zwischen uns groß ist, sind wir doch Schwestern. Meine Gedanken fangen an in die Vergangenheit zu tauchen. Ach, könnte ich Dir doch ein Stück Leben einhauchen.



Ich besinne mich und beginne dir Geschichten zu erzählen. Ob du sie hörst, der Gedanke dich zu verlieren, fängt an, mich zu quälen. Du bist noch so jung und hattest noch so viele Pläne. Ich rede und rede, schmunzele sogar als ich deine Streiche erwähne.

Minuten, Stunden ich weiß nicht wie lange habe ich an deinem Bett gesessen, mein Rücken fängt an zu schmerzen und ich habe das Gefühl ich müsste etwas essen. Ich beuge mich über dein Bett um dir einen Kuss auf die Stirn zu geben. Bitte lieber Gott, lass sie nicht schon so früh sterben und leben.

Auf der Rückfahrt im Auto höre ich Reinhard Mey" kleines Mädchen auf meinem Schoß" Mein Herz ist mir schwer, "Kleine Schwester ich lass dich nicht los." Und doch weiß ich, wir werden an unsere Grenzen kommen. Gott allein schenkt das Leben und manchmal wird uns auch das Liebste genommen.
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